Edition Wissenschaft
Ausgabe Nr. 19, Juli 2003
In-Vivo Untersuchungen zu möglichen Auswirkungen hochfrequenter
elektromagnetischer Felder (HF-EMF) insbesondere des Mobilfunks
Von Dr. Thomas Tillmann und Dr. Jochen Buschmann,
Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosolforschung Hannover
Elektromagnetische Felder (EMF) erfüllen zahlreiche Kriterien, um
vom Menschen als gefährlich empfunden zu werden: sie sind mit unseren
Sinnesorganen nicht wahrnehmbar, werden größtenteils von eindrucksvollen
technischen Anlagen erzeugt und ausgesendet und sie transportieren Energie.
Um dieser stark emotional geprägten Situation zu begegnen, wurde
bereits eine große Zahl an Untersuchungen durchgeführt. Eine
kritische Durchsicht dieser Studien ergibt jedoch, dass dieses gesteckte
Ziel aus verschiedenen Gründen nicht immer erreicht wurde. Gegenstand
dieses Vortrages soll es daher sein, zunächst einen kurzen Überblick
über die wichtigsten Studien zu Langzeiteffekten am Versuchstier
zu geben. Als ein Beispiel für solche Studien werden eigene Untersuchungen
zum Einfluß gepulster hochfrequenter EMF auf die vorgeburtliche
Entwicklung von Ratten dargestellt.
Auf der Basis vorliegender Studien werden unterschiedliche Vorgehensweisen
und Versuchsansätze diskutiert, und es wird als Ausblick versucht,
eine Versuchsstrategie vorzustellen, deren Einsatz künftig am erfolgversprechendsten
erscheint.
1. Literaturübersicht
Bei den hier diskutierten Arbeiten handelt es sich ausschließlich
um solche zu Langzeiteffekten, da diese von besonderer gesundheitlicher
Relevanz für den Menschen sind. Als Langzeiteffekte werden solche
nach einer wiederholten Befeldung und/ oder Beobachtungszeit von 4 Wochen
und mehr definiert. Diese Auswahl basiert auf auf einem von der toxikologischen
Prüfung z.B. von Chemikalien abgeleiteten Vorgehen.
Im Folgenden werden einige Studien kurz referiert:
Adey et al. (1999) fanden einen scheinbar "tumorprotektiven"
Effekt eines NADC
-Signals auf spontane und chemisch induzierte Tumoren
des Zentralnervensystems (ZNS) bei Ratten, jedoch konnte dieser Effekt
in einer Folgestudie, die keine Effekte der Feldexposition ergab, nicht
reproduziert werden (Adey et al., 2000). Es wurden aber leider nur Untersuchungen
zu Tumoren des ZNS durchgeführt.
Die Untersuchungen von Chagnaud et al. (1999) erbrachten keine Effekte einer zweiwöchigen Befeldung von Ratten mit GSM -Signalen auf chemisch induzierte Tumoren. Allerdings ist die Dauer der Befeldung zu kurz und die Gruppengröße zu klein um zu sicheren Schlußfolgerungen zu kommen.
In einer methodisch sehr guten Studie fanden Chou et al. (1992) eine signifikante Erhöhung des Auftretens bösartiger Tumoren bei Ratten durch Befeldung mit 2450 MHz. Die Autoren relativieren den Befund dadurch, dass die Anzahl gutartiger Tumoren unverändert ist und auch die erhöhte Häufigkeit in der befeldeten Gruppe noch innerhalb der historischen Kontrolldaten liegt.
Frei et al. (1998) fanden keinen Effekt einer Befeldung mit 2450 MHz in zwei unterschiedlichen Feldstärken auf die Tumorentwicklung bei Mäusen. In einer vielzitierten Arbeit von Repacholi et al. (1997) fanden die Autoren eine signifikante Erhöhung von einem bestimmten Tumortyp ( Lymphomen ) nach Befeldung transgener Mäuse mit 900 MHz. Die Ergebnisse müssen noch reproduziert werden, und die Studie kann aus methodischen Gründen hinterfragt werden. Daher wurde die Untersuchung in Australien wiederholt. Die Publikation von Utteridge et al. liegt seit August (2002) nun vor; sie konnte die Ergebnisse von Repacholi nicht bestätigen.
Salford et al. (1993) fanden keine Effekte einer Befeldung mit 915 MHz auf die Ausbildung induzierter Hirntumoren bei Ratten. Leider wurden aber nur Untersuchungen zu einem einzelnen Tumortyp durchgeführt. Toler et al. (1997) fanden in einer methodisch sehr gut beschriebenen Studie keinen Effekt einer Befeldung mit 435 MHz auf das Tumorgeschehen bei Mäusen.
Aus der vorliegenden Literatur geht damit hervor, dass die vorliegenden
tierexperimentellen Studien zu Langzeiteffekten, insbesondere Teratogenität
(Induktion angeborenener Fehlbildungen) und Fertilität
(Fortpflanzungsfähigkeit)
sowie Kanzerogenität
(Auslösung von Krebs) oft widersprüchliche
Daten erbringen.
Dabei scheint trotz aller Widersprüchlichkeit der Datenlage zum Endpunkt
Teratogenität/Fertilität die Schlussfolgerung berechtigt, dass
auftretende Effekte offensichtlich thermische Ursachen haben, und das
Auftreten athermischer Effekte
wenig wahrscheinlich ist. Hinsichtlich
des Endpunktes Kanzerogenität ist eine noch größere Inkonsistenz
des Gesamtbildes zu verzeichnen, was zum Teil auch durch methodische Probleme
bedingt ist. Eine wissenschaftlich fundierte Ableitung von Schlussfolgerungen
zur möglichen Gesundheitsgefahr für den Menschen auf der Basis
von Tierexperimenten erscheint daher derzeit nicht möglich, auch
wenn die Mehrzahl der Studien eine solche nicht nahe legt.
2. Eigene Untersuchungen
Zum besseren Verständnis tierexperimenteller Studien sollen zwei
eigene Untersuchungen zum Einfluß gepulster, hochfrequenter EMF
näher beschrieben werden. In einer ersten Studie wurde untersucht,
ob eine Exposition trächtiger Ratten gegenüber einem GSM-typischen
Feld im Bereich des humanen Grenzwertes (5,5 W/m²) die vorgeburtliche
Entwicklung der Nachkommen beeinflußt. Keiner der untersuchten Parameter
ergab jedoch einen Hinweis auf solche Effekte. In einer Folgestudie wurde
unter Nutzung verbesserter Expositionsbedingungen in einem Wellenleiter
eine wesentlich höhere Feldstärke, die jedoch noch keine thermischen
Effekte hervorrief (60 W/m²), untersucht. Die Ergebnisse belegen
keinen eindeutigen Effekt, jedoch waren vor allem die Verluste an Embryonen
bei der exponierten Gruppe deutlich (wenn auch nicht statistisch signifikant)
erhöht. Allerdings liegen viele der in dieser Studie untersuchten
Parameter sowohl bei Kontrolle als auch noch stärker bei der exponierten
Gruppe außerhalb der in unserem Labor ermittelten historischen Kontrolldaten,
was unter Umständen an den abweichenden Haltungsbedingungen in den
hier genutzten Wellenleitern liegt. Damit sind die Effekte möglicherweise
einer Grauzone zuzuordnen.
Werden beide Studien gemeinsam betrachtet, so ergibt sich, dass der
menschliche Grenzwert keine der hier untersuchten Endpunkte im Tierversuch
beeinflußt. Wenn man die Effekte der unter unseren Bedingungen höchsten
Feldstärke, die noch keine thermischen Effekte hervorruft, als Borderline-Effekte
akzeptiert, so liegt der "no observed effect level" zwischen
beiden getesteten Werten. Dieses praktische Beispiel illustriert die Problematik
der Interpretation von Studien, und es können methodische Schlussfolgerungen
für die Durchführung künftiger Studien gezogen werden.
Diese umfassen vor allem das Mitführen einer Käfig- oder Regalkontrolle
sowie den gleichzeitigen Einsatz mehrerer unterschiedlich stark exponierter
Gruppen in einer Studie. Außerdem sind bei Planung und Durchführung
solcher Studien die Vor- und Nachteile des Einsatzes frei beweglicher
oder zur Exposition fixierter Tiere zu berücksichtigen.
3. Ausblick
Beim Vergleich der unterschiedlichen Herangehensweisen lassen sich
zwei wesentliche Gruppen von Studien unterscheiden:
Solche, deren Ziele die Überprüfung einer konkreten Hypothese
darstellen, und solche, deren Ziel in erster Linie einer "globalen"
Risikoabschätzung dienen. Erstere sind als stark akademisch geprägte
Versuche der Grundlagenforschung oftmals von hohem wissenschaftlichen
Wert und werden mit sehr empfindlichen Modellsystemen durchgeführt.
Eine Übertragbarkeit auf den Zielorganismus Mensch ist dabei aber
oft nur eingeschränkt möglich und es ist (vor allem bei negativen
Ergebnissen bei der Überprüfung einzelner Hypothesen) sehr schwer,
Aussagen zum "generellen" Gesundheitsrisiko des Menschen zu
treffen.
Die zweite Gruppe von Studien nutzt eine stark toxikologisch geprägte
Herangehensweise im Sinne einer angewandten Wissenschaft: In verschiedenen
Versuchsansätzen werden Gruppen von Versuchstieren gegenüber
unterschiedlich starken Feldstärken exponiert und möglichst
viele potentiell gesundheitsrelevante Endpunkte untersucht. Dieser Ansatz,
am besten als "apikal" beschrieben, ermöglicht durch die
Vielzahl der untersuchten Parameter eine recht gute Übertragbarkeit
der Ergebnisse auf den Menschen und damit eine Abschätzung des Gesundheitsrisikos.
Jedoch gehen derartige Studien aufgrund ihres "Breitband"-Charakters
oft weniger in die Tiefe als die erste Gruppe, weshalb sie für spezifische
Gesundheitsrisiken nicht immer empfindlich genug sind.
Eine Förderung des Dialoges zwischen beiden Forschergruppen könnte
große Synergien freisetzen: Wenn sich einerseits in der Grundlagenforschung
erzielte Ergebnisse in angewandten Tests reproduzieren lassen, andererseits
aber bei angewandten Untersuchungen gewonnene Befunde durch mechanistische
Ansätze bestätigt werden, so ist eine wesentlich bessere Ausgangssituation
für eine Risikoabschätzung gegeben.
Für das hier diskutierte Spezialgebiet der Untersuchung möglicher
gesundheitlicher Effekte durch EMF ist die Forschungsgemeinschaft Funk
auch in der Zukunft prädestiniert, eine wichtige Mittler- und Moderatorenfunktion
zwischen beiden Forschergruppen zu spielen. Damit könnten bestehende
Wissenslücken effektiver geschlossen und das Ziel einer auf experimentellen
Daten basierenden und damit weniger stark emotional geprägten Diskussion
schneller erreicht werden.
