Edition Wissenschaft
Ausgabe Nr. 20, Dezember 2003
In vitro
Studien zu biologischen Wirkungen hochfrequenter Felder
aus den Jahren 1997 bis 2002.
Von Prof. Dr. Rainer Meyer, Physiologisches Institut der Universität
Bonn
Wilhelmstr. 31, D-53111 Bonn
Nach mehr als zehnjähriger Verbreitung der Mobiltelefone nach dem
GSM-Standard
(D- und E-Netze) gibt es in der Bevölkerung weiterhin
Zweifel an der gesundheitlichen Unschädlichkeit dieser Technik. Entsprechend
wurden in den letzten Jahren und werden auch aktuell viele Studien zur
Wirkung von hochfrequenten Feldern, HF-Feldern, des Mobilfunks auf Organismen
durchgeführt. Ziel des vorliegenden Überblicks ist es, Studien
aus den Jahren 1997-2002 an isolierten Organen, Geweben oder Zellen, sogenannte
in vitro-Studien, vorzustellen. Die vielen in vitro-Studien aus den letzten
Jahren wurden entsprechend den Schritten einer Entstehung von Tumoren
angeordnet, um sie besser darstellen zu können. Diese Anordnung wurde
gewählt, da 2002 in einer epidemiologischen
Studie ein Zusammenhang
zwischen der langjährigen Anwendung von analogen Mobiltelefonen und
der Entstehung von Hirntumoren beschrieben wurde.
Häufig ist der erste Schritt der Tumorentstehung eine Mutation
im
Genom
(Veränderung im Erbgut) einer Zelle. Radioaktive Strahlung
verursacht derartige Veränderungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit,
Hochfrequenz (HF)-Felder des Mobilfunks sind dazu nicht in gleicher Weise in der Lage,
der Verdacht ist trotzdem immer wieder geäußert worden. Es
gibt zahlreiche Untersuchungen zu dieser Frage, die in ihrer überwiegenden
Mehrheit unabhängig von der angewendeten Methode, dem eingesetzten
Zelltyp oder dem untersuchten Parameter negativ waren. In den Jahren 1996
und 1997 erlangten mehrere Studien an den Gehirnen von Ratten eine gewisse
Bekanntheit, allerdings konnten sie durch andere Arbeitsgruppen nicht
reproduziert werden, noch in ähnlichen Versuchsansätzen bestätigt
werden. Auch die Vorstellung, dass HF-Felder die mutagene
Wirkung von
chemischen Substanzen verstärken könnten, konnte nicht bestätigt
werden. Im Gegenteil frühere positive Ergebnisse einer belgischen
Arbeitgruppe an Lymphozyten
konnten von dieser mit verfeinerten Versuchsansätzen
nicht mehr bestätigt werden.
Der zweite Schritt der Tumorentstehung, die ungebremste Zellteilung, kann
eingeleitet werden, wenn die geschädigten Gene abgelesen und in Proteine
übersetzt werden. Die Einleitung und die Steuerung dieser Vorgänge
ist von vielen Signalsystemen abhängig. Die Untersuchungen zu zellulären
Signalsystemen wurden daher in einem Kapitel zusammengefasst. Ein wichtiges
Signalsystem, welches vielfältige Aufgaben hat, ist die Veränderung
der intrazellulären Kalziumkonzentration. Hier wurden weder in Herzmuskelzellen
noch in Lymphozyten klare Hinweise für einen Einfluss von HF-Feldern
nachgewiesen.
Proto-Onkogene
sind Gene, die häufig Stress oder Zellteilung angeschaltet
werden. Sie werden auch vermehrt in entarteten Zellen exprimiert
. Durch
eine geringfügige Mutation können sie in Onkogene verwandelt
werden, welche eine Zelle zu ungebremster Teilung veranlassen können.
Die Proteine, die beim Ablesen der Proto-Onkogene entstehen, sind häufig
Signalmoleküle. Es werden sowohl in vitro-Studien als auch Tierversuche
vorgestellt, da nur die gemeinsame Darstellung einen sinnvollen Überblick
ermöglicht. Eine Beeinflussung von Proto-Onkogenen durch HF-Felder
erscheint als Ergebnis der vorgestellten Studien prinzipiell möglich.
Allerdings tritt dieser HF-Einfluss regelmäßig erst bei SAR
-Werten
im thermischen Bereich also oberhalb der Grenzwerte auf.
Wenn Zellen sich teilen, so werden vorher bestimmte Moleküle synthetisiert.
Die Aktivität des Enzyms Ornithindecarboxylase
wird als ein Marker
dafür angesehen. Daher ist der Einfluss von HF-Feldern auf dieses
Enzym
in einer Reihe von Experimenten von einer Arbeitsgruppe untersucht
worden. Die Ergebnisse deuten eine Beeinflussbarkeit dieses Enzyms durch
HF-Felder an. Ihre Ergebnisse wurden jedoch nie von anderen reproduziert,
noch wird die Fragestellung von der genannten Arbeitsgruppe weiterverfolgt.
Allerdings wurde die Zellteilungsgeschwindigkeit in vielen verschiedenen
Zelltypen unter der Einwirkung von HF-Feldern verfolgt, ein Einfluss der
Felder konnte nicht nachgewiesen werden.
Der nächste Schritt bei der Krebserkrankungen die Bildung von Metastasen
ist sehr komplex und von vielen Steuerungssignalen abhängig. In der
vorliegenden Zusammenfassung sind in dem entsprechenden Abschnitt die
Untersuchungen zu Hitzeschockproteinen
und zur Blut-Hirn-Schranke zusammengefasst.
Eine Permeabilisierung
der Blut-Hirn-Schranke wird möglicherweise
durch Hitzeschockproteine begünstigt und eine durchlässigere
Blut-Hirn-Schranke
könnte den Durchtritt von Zellen erleichtern.
Hitzeschockproteine werden vermehrt nach Einwirkung hoher Temperaturen
oder anderer Stressfaktoren als Schutzmechanismus gebildet. Daher wurde
die Hypothese entwickelt, dass die Synthese dieser Proteine ebenfalls
HF-Felder ausgelöst werden könnte. Bei SAR-Werten deutlich über
den Grenzwerten wurde in verschiedenen Systemen eine HF-abhängige
Hitzeschockproteinbildung gezeigt. Eine Studie an kultivierten Endothelzellen
soll hier besonders erwähnt werden, da sie bei SAR-Werten in der
Nähe des Grenzwertes eine Induktion der eines Hitzeschockproteins
zeigte. Endothelzellen bilden die Auskleidung der Blutgefässe und
sind damit auch an dem Aufbau der Blut-Hirn-Schranke beteiligt. Auch wenn
noch eine weiter Arbeitsgruppe eine Induktion von Hitzeschockproteinen
gefunden hat, sind die beiden Untersuchungen doch zu verschieden, als
dass man von sich verstärkenden Ergebnissen sprechen kann.
Zur Untersuchung der Blut-Hirn-Schranke selbst wurden von mehreren Arbeitsgruppen
Tierversuche durchgeführt. Nur eine konnte, allerdings mehrfach,
in einem Rattenmodell eine Permeabilisierung der Blut-Hirn-Schranke unter
der Einwirkung verschiedener HF-Felder zeigen. Auch in einem in vitro
Zellkulturmodell der Blut-Hirn-Schranke zeigten sich diese Wirkungen.
Auch hier kann man bisher nur von Einzelbefunden sprechen.
Aus den referierten Studien lässt sich keine Gesundheitsgefährdung
durch die HF-Felder des Mobilfunks ablesen.
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